Essen dient heutzutage nicht bloß der Nahrungsaufnahme: Es ist Ersatzreligion, Selbstdarstellung und auch gesellschaftlicher Kitt. Früher wurde der eigene Wert über das Auto bestimmt, heute erfüllt das Essen denselben Zweck, meint Prof. Christoph Klotter.

Essen heutzutage als bloße Nahrungsaufnahme zu bezeichnen, wäre ein grober Fehler, oder?
CHRISTOPH KLOTTER: Wir haben es in Europa mit zwei völlig entgegengesetzten Kulturmustern des Essens zu tun. Das eine ist die aus dem antiken Geiste stammende und später im christlichen Sündenkonzept präsente Enthaltsamkeit, wonach jegliche Gelüste und Annehmlichkeiten zu kontrollieren und zu beschränken sind. Das andere ist die Maßlosigkeit, die von Königen und dem Adel dargestellt wurde, indem man sich überfraß und bewusstlos trank. Unser heutiges Essverhalten ist eine paradoxe Mischung aus beidem.

Dominiert denn eines dieser Essmuster? Überessen wir uns öfter, oder halten wir eher Maß?
Wir sind viel gesünder als unsere Vorfahren, und die Lebenserwartung steigt weiter an. Dazu tragen auch Änderungen im Ernährungsdenken und den Essgewohnheiten bei. In den 1950er-Jahren wurde im deutschen Fernsehvormittagsprogramm oft Cognac getrunken und Zigaretten geraucht. Das wäre heute undenkbar. Nach einer Umfrage von 1961 musste der echte deutsche Mann korpulent sein, weil dies von seiner richtigen Einstellung zum Essen und Trinken zeugte. Damals hätten Sie in keiner deutschen Stadt einen schlanken Bürgermeister vorgefunden, denn Leibesfülle war ein gesellschaftliches Statussymbol. Heute ist es genau umgekehrt: In einer satten Gesellschaft unterscheiden sich die Bessergestellten, indem sie auf eine schlanke Figur achten und zum Vegetarismus übergehen.

Christoph Klotter
ist Ernährungspsychologe und seit 2001 Professor im Fachbereich Ökotrophologie der Hochschule Fulda. Von 2011 bis 2014 war er deren Vizepräsident. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zu Ernährungsfragen veröffentlicht, darunter Einführung Ernährungspsychologie und zwei Arbeiten zu Adipositas, von denen eine Fettsucht als wissenschaftliches und politisches Problem behandelt.

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