Ständig klagen wir über Zeitmangel, haben Angst vor dem Stillstand. Wir optimieren unser Körpergewicht und wollen ideale Partner und gute Liebhaber sein. Dieser endlose Wettlauf macht uns konstant unzufrieden.

Der technologische Fortschritt rast, eine ganze Reihe an Erfindungen macht unser Leben leichter. Und trotzdem habe ich das Gefühl, wir leiden unter Zeitmangel.
Hartmut Rosa: Das ist tatsächlich ein Paradox. Seit fast 250 Jahren besitzen wir spektakuläre technologische Errungenschaften, die uns Zeit sparen können. Noch immer wird die Kommunikation verbessert, die Transportmittel, die Produktionsmethoden … Deshalb sollten wir eigentlich sehr viel Zeit haben. Und trotzdem lässt sich seit der Erfindung der Dampfmaschine das Gegenteil beobachten. Den permanenten Zeitmangel haben wir nicht wegen, sondern trotz der technologischen Beschleunigung.

Wie ist das möglich?
Unser Lebenstempo nimmt viel schneller zu, als sich Mittel und Möglichkeiten entwickeln. Wir bewegen uns heute in doppelter Geschwindigkeit, aber gleichzeitig bewältigen wir dreimal längere Strecken als früher, denn der Weg zur Schule oder zur Arbeit und auch die Entfernung zwischen Geschäftspartnern sind größer geworden. Das heißt, trotz der schnelleren Verkehrs- und Transportmittel benötigen wir mehr Zeit für die Reise oder den Warentransport. Das Gleiche betrifft die Produktionsprozesse und die Kommunikation. Das beste Beispiel ist die elektronische Post: Eine E-Mail können wir viel schneller schreiben als einen Brief, aber wenn wir zehn oder zwanzig Mails pro Tag verschicken, brauchen wir mehr Zeit als für einen einzigen Brief. Das ist der in der Wirtschaft bekannte Rückschlageffekt, der Rebound-Effekt, der darauf beruht, dass der Zuwachs an Produktivität und Effizienz sich nicht in einem niedrigeren Rohstoff- und Energieverbrauch niederschlägt.

Hartmut Rosa
ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. Er schrieb viele wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Bücher, darunter Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung und mit David Strecker und Andrea Kottmann Beschleunigung. Die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne; Soziologische Theorien.

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