Für Chronobiologen wie Peter Spork besteht kein Zweifel: Wenn wir mehr Schlaf bekämen, wären wir weniger anfällig für Depressionen, kreativer, fröhlicher – und in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen freundlicher und empathischer

Sie sagen, die Menschen in den westlichen Gesellschaften seien „verbraucht“? An was genau denken Sie dabei?
PETER SPORK: Ich meine damit eine psychische Verbrauchtheit. Wir schlafen heute im Durchschnitt eine Stunde weniger als vor 30 bis 40 Jahren, und den neuesten Untersuchungen zufolge 38 Minuten kürzer als noch vor zehn Jahren. Schlaf ist sehr wichtig für die Regeneration des Organismus, für eine optimale Hirntätigkeit und für unsere seelische Ausgeglichenheit. Wir besitzen keinen Sinn, der uns rechtzeitig darüber informieren würde, dass wir jede Nacht etwas zu wenig schlafen. Dieser unzureichende Schlaf zapft uns auf längere Sicht wertvolle Energie ab, was das Risiko vieler psychischer Krankheiten erhöht, v. a. das Risiko, an Depressionen und Burnout-Syndrom oder auch körperlichen Leiden wie Stoffwechselstörungen oder Übergewicht zu erkranken.

Wir füllen also unsere Energiereserven, die wir für einen gesunden Körper und eine gesunde Seele brauchen, nicht regelmäßig genug wieder auf?
Richtig. Die alten Griechen nannten den Schlaf den „kleinen Tod“. Sie glaubten, während des Schlafens werde das Blut dünner, der Organismus reinige sich und erhalte wieder mehr Vitalität. Das stimmt nur zum Teil – im Grunde genügt es, ruhig zu liegen, um sich zu regenerieren. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es die Hauptaufgabe des Schlafes ist, die Hirnfunktionen in den optimalen Zustand zurückzuversetzen. Im Wachzustand muss das Gehirn mit zahlreichen Anforderungen zurechtkommen, es muss unentwegt Informationen verarbeiten, sie mit dem vergleichen, was im Gedächtnis gespeichert ist, und neu einordnen. Es muss Unwichtiges aussortieren und Wichtiges in unsere Bewusstseinsstrukturen einschreiben. Im bewussten Zustand kann unser Gehirn all diese Prozesse nicht gleichzeitig bearbeiten. Deswegen braucht es Phasen, in denen es die Masse an aufgenommenen Informationen in Ruhe verarbeiten kann, ohne neue Reize aufnehmen zu müssen. Der Schlaf ist eine Konsolidierungsphase für das Nervensystem, die es ihm gestattet, regelmäßig in seinen stabilen Zustand zurückzufinden.

Dr. PETER SPORK
ist ein deutscher Neurobiologe und Biokybernetiker; er studierte Biologie, Anthropologie und Psychologie. In seinen Arbeiten bringt er den Lesern Erkenntnisse aus der Biologie, Neurobiologie, Epigenetik und Somnologie (Schlafforschung) nahe. Spork publizierte bereits zahlreiche Bücher, u. a. Der zweite Code; Gesundheit ist kein Zufall; Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft. Außerdem gibt er einen Newsletter zum Thema Epigenetik heraus: http://www.peter-spork.de/86-0-Newsletter-Epigenetik.html.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe von Psychologie und Leben. Erhältlich an allen Punkten des Bahnhofs- und Flughafenbuchhandels sowie bei vielen weiteren Zeitschriftenhändlern.

Nach Erscheinen des Magazins können Sie hier eine Filiale in Ihrer Nähe finden.